Leseprobe: Destiny Chains – Band 2

 

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KAPITEL EINS

»Hast du dir jetzt auch noch das letzte bisschen Verstand weggesoffen?« Logan knallte die Tasse mit solch einer Wucht auf den Tisch des Wohnwagens, dass der lauwarme Kaffee über den Rand schwappte. Mit säuerlicher Miene taxierte er Kenny, der sich vorkam, als säße er dem Teufel persönlich gegenüber.
»Du bist ein Arschloch!«, donnerte sein bester Freund. »Was hast du dir bloß dabei gedacht? Lass mich raten. Vermutlich gar nichts! Wieso auch, denn Kenny tut immer das, was Kenny will. Stimmt’s?«
»Du bist weder meine Mum noch mein Dad! Also hör auf, mir ständig zu sagen, was ich tun soll!«, brüllte Kenny mit geballten Fäusten und einer ordentlichen Portion Wut im Bauch zurück.
»Du verdienst es nicht anders!« Logan schüttelte den Kopf. Er steckte sich eine Zigarette an, nur um sie postwendend wieder auszudrücken. »Kaum ist man ein paar Wochen im Krankenhaus, bricht das Chaos aus«, kommentierte er den überquellenden Aschenbecher vor sich, doch im Grunde genommen meinte er etwas völlig anderes. »Ich lasse mich von dir nicht anschreien, wie von einem trotzigen Kleinkind. Deine schlechte Laune kannst du woanders abladen. Und wenn wir schon dabei sind: Hast du die leiseste Ahnung, was du Mum damit antust? Sie hat dich ins Herz geschlossen, als wärst du ihr eigener Sohn. Sie würde ihr letztes Hemd für uns hergeben, wenn sie damit helfen könnte … Halt, ich bin längst nicht fertig!«
Kennys Mund schloss sich wieder. Er stand mit verschränkten Armen vor Logan und wünschte sich auf eine einsame Insel. Niemand ahnte auch nur im Geringsten, wie er sich zurzeit fühlte.
»Im Übrigen, die Band … und ich noch viel weniger … können an der Situation etwas ändern. Ich lag nicht freiwillig im Krankenhaus, falls dir das entfallen sein sollte. Faktisch, trägt niemand die Schuld daran, was passiert ist, und obwohl du gerade kaum zum Aushalten bist, stehen wir weiterhin fest hinter dir. Daher frage ich dich zum zweiten Mal: Warum tust du das?«
»Weil es meine Entscheidung ist!«, schrie Kenny ihn an und spürte seinen Körper erzittern. Sein Groll nahm mit jedem weiteren Wort seines Freundes zu, wenngleich er wusste, dass Logan recht hatte. Sollte er nicht bald ein Ventil für seinen Zorn finden, würde ein Unglück passieren.
Seufzend schloss Logan die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er Kenny teils mitfühlend, teils vorwurfsvoll an. »Megan und die Jungs können sich gut vorstellen, wie du dich fühlst, nachdem man dich von dem Menschen getrennt hat, den du liebst. Und dass die Aktion von Nicks Vater mehr als scheiße war, darüber müssen wir gar nicht diskutieren. Dich aber deswegen erneut dem Arschloch Bennett anzubieten, widert mich an. Sorry, das ist wirklich krank.«
Vor Wut bebend, stand Kenny kurz davor, seinen frisch renovierten Wohnwagen zu Kleinholz zu verarbeiten. Warum mischte sich Logan andauernd in Dinge ein, die ihn nichts angingen? Er musste mit dem qualvollen Schmerz allein fertig werden und das tat er eben auf seine eigene Art und Weise. Logan sollte ihn endlich in Ruhe lassen!
Sein Freund tat ihm den Gefallen allerdings nicht. Im Gegenteil, er giftete ihn fortwährend an: »Warum rennst du wieder zu Bennett? Du hattest dich doch von ihm losgesagt. Dann gerät dein Leben mal ein wenig aus der Bahn, und schon stürzt du dich in seine Arme zurück. Schau dich einmal genau um. Der Caravan sieht aus wie neu. In der Werkstatt verdienst du genug Geld. Was ist also dein Problem? Wenn du dir aus Frust das Hirn rausvögeln willst, such dir wenigstens Typen in deinem Alter. Schieß diesen alten Hurenbock, der dich die ganze Zeit über bloß ausgenutzt hat, in den Wind.«
Kenny atmete tief ein und aus und versuchte, seinen Herzschlag zu beruhigen. Das war allerdings unmöglich. Die Welt war ohne Nick nicht mehr die Gleiche. Der schmerzhafte Verlust hatte ihm den Boden unter den Füßen weggezogen und ihn von einem Albtraum in den nächsten stürzen lassen. Inzwischen fing er sogar an, den Wohnwagen zu hassen. Er wollte wie geplant hier zusammen mit Nick einziehen und mit ihm die Zeit genießen. Doch Nick war weg … Dadurch hatte alles seinen Sinn verloren. Nichts war noch von Bedeutung.
Gleich nachdem Freddy den Wohnanhänger in Logans Hof abgestellt hatte, hatte sich Kenny, um sich abzulenken, wie besessen in die Renovierungsarbeiten gestürzt. Da er nicht schlafen konnte, ohne von Nick zu träumen und irgendwann schweißgebadet aufzuwachen, werkelte er oft die Nacht durch. Somit war er mit den erforderlichen Verschönerungen schneller fertig als gedacht.
Kurz vor Weihnachten war sein Freund überraschend aus dem Krankenhaus entlassen worden. Gesund war er deshalb noch lange nicht. Ihm stand eine langwierige Rehabilitation bevor, die im Cayuga Medical Center durchgeführt wurde. Nach den Feiertagen holte ihn jeden Morgen ein Wagen der Reha-Klinik ab und fuhr ihn nachmittags wieder nach Hause.
Obwohl Logan zurück in seinen vier Wänden war, war er die meiste Zeit zum Nichtstun verdammt und das zerrte gewaltig an seinen Nerven. Zudem wirkte er nur noch wie ein Schatten seines früheren Selbst. Der Unfall hatte ihm stärker zugesetzt, als er sich eingestehen wollte. Er hatte sichtbar abgenommen und vernachlässigte obendrein sein äußeres Erscheinungsbild. An Krücken humpelnd schaffte er es kaum allein in die Dusche und an Bandproben war derzeit nicht einmal zu denken.
Kenny half, so gut es ihm möglich war. Er kaufte ein, kochte und bemühte sich die Bude in Schuss zu halten, wenn er von der Arbeit kam. Lediglich die Nächte verbrachte er im Caravan. Dana schaute fast täglich vorbei, genau wie Megan. Doch jetzt, nachdem sie und Josh eine Wohnung gefunden und den Mietvertrag unterschrieben hatten, standen die Renovierung und der Einzug an oberster Stelle.
Kennys Blick glitt durch das Durcheinander in seinem neuen Reich. Überall lagen Klamotten verstreut auf dem Boden und in der Schlafnische herum. Mittendrin stapelten sich Bücher, Geschirr und der Rest seiner Habseligkeiten. Er konnte sich nicht dazu aufraffen, den Wohnwagen einzuräumen, denn ohne Nick würde er sich hier ohnehin nie wohlfühlen.
Nach einiger Weile wurde ihm bewusst, dass Logan ihn immer noch fragend anstarrte. Der vorwurfsvolle Ausdruck, mit dem er ihn bedachte, befeuerte seinen brodelnden Zorn. Sein Freund hatte nicht das Recht, sich in sein Leben einzumischen.
»Was zum Teufel willst du von mir hören?«, fragte Kenny ruppig und hob seine Lederjacke auf, die auf einem Stapel T-Shirts lag.
»Wenn ich ehrlich bin … nichts. Du hörst mir ohnehin nie zu. Ich komme mir vor, als würde ich gegen eine Wand reden.«
»Dann lass es!«, antwortete Kenny mit einem sarkastischen Unterton und zog sich die Jacke über.
»Du bist ein Idiot!«, fuhr Logan ihn ungehalten an. »Dir ist nicht zu helfen. Lauf zu ihm, wie ein geprügelter Hund! Aber vielleicht überlegst du mal eine Sekunde, ob Nick das gutheißen würde. Warum in Gottes Namen tust du das? Es wird dich weiter nach unten ziehen.«
Kenny konnte sich kaum noch im Zaum halten. Mit zusammengebissenen Zähnen schwieg er Logan an. Er war kurz davor ihm Eine reinzuhauen.
»Ich habe meine Gründe, die dich im Übrigen nichts angehen«, knurrte er schließlich.
»Ach ja? Ich dachte, ich wäre dein bester Freund und wir würden uns alles anvertrauen. Sag, habe ich dich jemals im Stich gelassen? Nein! Wieso sprichst du dann nicht mehr mit mir? Ich will dir doch bloß helfen. Megan macht sich große Sorgen. Und die anderen ebenfalls. Du musst nur mit uns reden. Und was machst du? Verschließt dich vor uns und ziehst dich immer weiter zurück.«
»Vergiss es! Du begreifst es ohnehin nicht.«
»Du hast recht. Ich verstehe dich kein Stück.« Logan krallte die Hand um die mittlerweile leere Kaffeetasse.
»Verdammt! Frag mal die Jungs, was die davon halten.«
»Hast du es ihnen etwa erzählt?« Kenny stand kurz vor einer Explosion. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und ihm war flau im Magen. Allein die Vorstellung, einer seiner Freunde könnte wissen, dass er seinen Körper anbot, war eine Katastrophe. Sie durften den wahren Grund niemals erfahren, besonders Logan nicht. Bei diesem Gedanken verlor Kenny endgültig die Beherrschung, griff nach dem nächstbesten Gegenstand und warf ihn in Logans Richtung. Zum Glück verfehlte der Teller das anvisierte Ziel, da sein Freund geistesgegenwärtig in Deckung gegangen war.
»Du bist ein riesen Arsch!« Aus einem Reflex heraus schleuderte Logan die Tasse nach ihm. Haarscharf schoss sie an seinem Kopf vorbei und zerschellte hinter ihm an einem der Hochschränke.
»Hast du vor, mich umzubringen?« Kennys Stimme war schneidend.
»Du hast mit dem Scheiß angefangen!«
»Sag schon! Wissen sie etwas?«, brüllte Kenny, ohne darauf einzugehen.
»Natürlich nicht! Dir würde eine ordentliche Tracht Prügel guttun. In deinen Augen mag ich vielleicht ein kranker Arsch sein, aber so bescheuert bin ich auch wieder nicht. Weißt du was? Mach, was du willst. Du bist alt genug.« Logan seufzte unüberhörbar. »Übrigens, falls dich unsere Band noch interessiert. Drake war gestern da, als du bei ihm warst. Er wollte wissen, ob das mit dem Auftritt nächste Woche klargeht. Ich habe ihm zugesagt. Wäre zumindest ehrlich verdientes Geld.«
Der letzte Satz brachte das Fass zum Überlaufen. Laut schnaubend drehte Kenny sich um und stürzte aus dem Wohnwagen. Bevor er die Tür zuknallte, schrie Logan ihm hinterher: »Gut. Dann spiel eben den Beleidigten und verkauf dich weiter. Solange du die Wahrheit nicht verträgst, brauchst du bei mir nicht mehr aufzukreuzen.«
Die Worte schnitten sich wie die Klinge eines geschärften Messers in Kennys Herz und malträtierten ihn. Er hasste seinen besten Freund dafür, obgleich er wusste, dass er es nur gut mit ihm meinte. Im Moment war er jedoch keinesfalls fähig ihm in die Augen zu schauen. Nach einem kräftigen Tritt gegen das Stützrad stürmte er kopflos davon.
Er rannte ziellos umher bis ihm die Luft wegblieb und seine Beine sich bleischwer anfühlten. Schließlich fand er sich im drei Meilen entfernten Thompson Park wieder. Heftig atmend blieb er unter einem Baum stehen und sah sich um. Das beliebte Naherholungsgebiet lag unter einer schweren Schneedecke und war menschenleer. Aufgrund der anhaltenden Minusgrade verließ kaum jemand das Haus, was Kenny begrüßte, denn er wollte allein sein. Könnte er doch bloß die Zeit zurückdrehen. Zurück zu jenem schicksalhaften Abend, an dem er Nick seine wahren Gefühle gestanden hatte. Bereits bei ihrer ersten Begegnung hatte er gespürt, dass der traurige Typ in dem grauen Kapuzenhoodie etwas Besonderes war. Und er sollte recht behalten. Nicolas Harper hatte ihm das Herz gestohlen. Dass er nun für ihn unerreichbar war, nahm ihm die Luft zum Atmen.
Zum wiederholten Mal spielte sich die grauenhafte Szene vor seinem inneren Auge ab. Nachdem der Bodyguard ihn von Nick weggezerrt und mit mehreren Fausthieben und Fußtritten verdeutlicht hatte, dass er unerwünscht war, hatte er ihm einen Zettel vor die Füße geworfen. Dieses Stück Papier trug er seither immer bei sich, obwohl er es mehr als einmal hatte verbrennen wollen. Auf eine verquere Weise war er jedoch das einzige verbliebene Bindeglied zwischen Nick und ihm, denn sein Freund gab kein Lebenszeichen von sich. Unzählige Male hatte er versucht, ihn zu erreichen. Hatte ihm Sprachnachrichten hinterlassen und probiert, ihn über den Messenger zu kontaktieren, doch vergebens. Kenny vermutete, dass Nick keinen Zugriff auf sein Smartphone hatte. Das bereitete ihm zusätzlich Sorgen, denn wenn er eines mit Sicherheit wusste, dann, dass William Christopher Harper ein unerbittlicher, unversöhnlicher und egoistischer Tyrann war.
Mit Tränen in den Augen fischte Kenny den zerknitterten Zettel aus seiner Hosentasche und starrte auf die Zeilen. Wie unter Zwang begann er sie zu lesen, obwohl er sie bereits in- und auswendig konnte.

Mein lieber William,

es ist einige Monate her, als wir das letzte Mal Kontakt hatten. Umso wichtiger ist mein heutiges Anliegen.
Ich muss dir leider mitteilen, dass sich dein Sohn Nicolas regelmäßig mit einem jungen Mann namens Kenneth McKee trifft. Dieser ist nicht nur ein mittelloser Straßenmusiker, sondern auch als stockschwul bekannt.
Darüber hinaus wurde mir aus sicherer Quelle zugetragen, dass sich die beiden längst mehrmals intim angenähert haben. Beweisfotos habe ich dir als Anhang beigefügt.
Aufgrund dieses äußerst schlechten Einflusses hat dein Sohn in den vergangenen Wochen bereits Lesungen geschwänzt.
Als Direktor und guter Freund erlaube ich mir, einen guten Rat. Nimm deinen Sohn schleunigst vom College und lass ihn woanders weiter studieren, denn Nicolas hat enormes Talent. Es wäre schade, wenn er es vergeudet.
Ich erwarte baldigst deine Antwort.

Dein guter Freund Louis Bennett

Wie du siehst, liegen Beweise vor, die dich und Nicolas bei Perversionen zeigen. Das werde ich keinesfalls dulden und Nicolas endlich Manieren beibringen. Auch wenn ich ihn dabei windelweich schlagen muss.
Sollte ich dich noch einmal in seiner Nähe erwischen, dann gnade dir Gott!
Meine Kontakte reichen weit über die Staatsgrenze New Yorks hinaus. Ein Anruf genügt und du landest als Vergewaltiger lebenslänglich hinter Gittern! Überlege dir also gut, wohin du deinen Schwanz in Zukunft steckst.
Vielleicht achtest du besser auf deine Musikerfreunde. Sie könnten ebenso schnell mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus landen, wie Logan Archer.
Das ist meine erste und letzte Warnung!

Kenny atmete flach und hektisch. Sein Herz zog sich wie immer krampfhaft zusammen, wenn er das las. Dabei hatte er jedes Mal das unerträgliche Gefühl, Nicks Vater würde ihm eine Klinge in die Brust stoßen. Der Brief war zwar nicht unterschrieben und so verfasst, dass er nicht zwangsläufig auf William Harper hindeutete, doch Kenny war sich sicher, dass er ihn höchstpersönlich geschrieben hatte. Die rotierenden Gedanken, wie es seinem Freund zurzeit ergehen musste, peinigten Kenny aufs Schrecklichste. Louis Bennett und William Harper waren nicht nur bestens miteinander bekannt, wie er dank der Nachricht nun wusste, sondern ähnelten sich auch in ihren Handlungen. Es verstrich keine Minute, in der er deshalb nicht an Nick dachte und betete, dass es ihm den Umständen entsprechend gut ging. Sollte William Harper seine Drohung wahr gemacht und sich tatsächlich an seinem Sohn vergriffen haben, würde er das bitter bereuen.
Kenny wusste ebenso wie Nick, was es bedeutete, geschlagen und unterdrückt zu werden. Sein Pflegevater hatte keine Sekunde gezögert, ihn bei jedem noch so kleinen Vergehen mit Prügel zu bestrafen. Nach seiner Volljährigkeit hatte Kenny sich seine Freiheit hart erkämpft.
Nick war da anders. Er besaß keinesfalls die Kämpfernatur, die Kenny geholfen hatte, sich durchzusetzen. Er würde mitnichten gegen seinen Vater aufbegehren. Außer jemand stärkte ihm den Rücken. Kenny baute insgeheim auf Charly. Er hoffte, dass sie ihrem Bruder beistehen und ihm über den Schmerz hinweghelfen würde. Hätte er ihre Handynummer, würde er sie ohne zu zögern anrufen. Allerdings war seine Suche nach ihr im Internet im Sand verlaufen. Ihm fehlten zu viele Informationen. Das Einzige, was er herausgefunden hatte, war die Adresse des Bürgermeisters von Albany und somit Nicks Aufenthaltsort. Doch er traute sich nicht, dort einfach aufzukreuzen. Nicht weil er um sein Leben fürchtete, er wollte Nick unter keinen Umständen in Gefahr bringen. William Harper würde seine Wut zuallererst an seinem Sohn auslassen, sollte er Kenny in dessen Nähe erwischen.
»Ich hasse dich!«, flüsterte er. »Ich hasse euch beide!« Er stellte sich die Gesichter von Louis Bennett und William Harper vor, wie er sie zu Brei schlug.
Von der Drohung und dem Brief durfte die Band nie erfahren, allen voran Logan. Da sein bester Freund ihn längst für sein jetziges Handeln verabscheute, würde er, nachdem was er plante, bis zu seinem Lebensende nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Oder, was weitaus erschütternder wäre, er würde sich selbstlos auf seine Seite stellen und ihm beistehen wollen. Das durfte Kenny auf keinen Fall zulassen.
»Du widerliches Arschloch!«, schrie er seinen Frust heraus, während das hämische Grinsen von Bennett ihn vor seinem inneren Auge anstarrte. »Eines Tages schneide ich dir deinen Schwanz ab und stopfe ihn dir in dein Lästermaul.«
Wütend schlug er mit der Faust mehrmals gegen den Stamm neben sich, bis seine Fingerknöchel rot, aufgeschürft und blutig waren. Doch der Schmerz betäubte seine Qual und nur darauf kam es an. Genauso wie der Alkohol, mit dem er sich in den vergangenen Wochen jeden Abend das Gehirn weggeschossen hatte.
Kenny wollte weder an Logan noch an die Band und ganz sicher nicht an Nick denken, wobei er Letzteres nur zu verhindern vermochte, wenn er sich mit seinen Rachegedanken beschäftigte. Durch sie war er überhaupt imstande, weiter zu leben.
Beiläufig steckte Kenny den Zettel zurück in die Hosentasche und kramte seine Zigarettenschachtel hervor. Im selben Augenblick, als er sich eine anzündete, klingelte das Handy. Kenny griff in die Jackeninnentasche und knurrte, als er den Namen des Anrufers auf dem Display sah. Einen Moment überlegte er, ihn wegzudrücken. Doch damit würde er das Unvermeidliche nur hinauszögern.
»Was willst du Arschloch?«, fragte er schroff und zog hastig an der Zigarette.
»Eine nette Begrüßung«, erklang Bennetts Stimme, die er mehr verachtete, als den Teufel und all seine Dämonen zusammen.
»Du gehst mir auf den Sack!« Kenny musste sich zusammenreißen, um nicht vollends durchzudrehen. Wäre es ihm möglich, wäre er Bennett auf der Stelle an die Gurgel gegangen und hätte zugedrückt. Der Hass auf den Collegedirektor brodelte unaufhörlich in ihm.
»Okay. Wie du willst. Kommen wir gleich zum geschäftlichen Teil.« Auf der anderen Seite der Leitung ertönte ein höhnisches Lachen, das ihm durch Mark und Bein fuhr. »Ich habe uns für heute ein Motelzimmer gebucht. Natürlich spendiere ich auch wieder eine Flasche Bourbon … den Guten, versteht sich.« Bennett wusste genau, dass Kenny ihn nur mit genügend Alkohol ertragen konnte.
»Besorg’s dir doch selbst. Du hast zwei gesunde Hände!« Kenny war versucht, sein Smartphone gegen den Baum zu donnern.
»Nicht gut drauf, mein Hübscher?« Die unbekümmerte Frage versetzte Kenny umso mehr in Weißglut.
»Du bist schuld, dass Nick weg ist!«, platzte er heraus.
Als Antwort folgte prompt hämisches Gelächter. »Ich habe mich wohl verhört. Warum soll ich daran schuld sein? Du hättest eben eure Beziehung nicht öffentlich machen dürfen. Es war ja unübersehbar, dass ihr beide etwas miteinander hattet. Dass William Harper davon Wind bekam, war bloß eine Frage der Zeit.«
Kenny blieben die Worte im Hals stecken. Es war, als hätte Bennett ihm eine Ohrfeige verpasst. Er atmete stoßweise. Sein Herz raste. Ein eiskalter Schauder erfasste ihn, während sein Zorn ins Unermessliche stieg. Das Schwein besaß nicht nur die Frechheit, ihn wie einen willigen Sexsklaven zu befehligen, er leugnete zudem die Beteiligung an seinem Martyrium.
»Heute Abend im Meadow Court Inn. Um neun. Und sei pünktlich!«, sagte Bennett im Befehlston eines Feldwebels und legte auf.
Verbissen starrte Kenny in die Winterlandschaft, da verzog er plötzlich seine Lippen zu einem gehässigen Grinsen. Endlich wusste er, wie er Vergeltung üben konnte.
Er sah auf die Uhr am Handy. Ihm blieben lediglich zwei Stunden. Zwei Stunden, um seinen Plan in die Tat umzusetzen.

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KAPITEL ZWEI

Ein flüchtiger Blick auf das Handy genügte Kenny, um zu wissen, dass er noch ein paar Minuten Zeit hatte. Er wollte … nein, er musste! … seinen Schmerz an die Person weitergeben, die ihn verursacht hatte: Louis Bennett.
Mit einer halb ausgetrunkenen Flasche Whisky in der Hand steuerte er auf das Meadow Court Inn zu, wobei er versuchte, nicht über die eigenen Füße zu stolpern. Der Alkohol hatte sich inzwischen in seinem Körper verteilt. Ihm war schwindlig und das Laufen bereitete ihm zunehmend Schwierigkeiten. Das alles zählte jedoch nicht. Er hatte nur ein Ziel vor Augen, und je mehr der Rausch von ihm Besitz ergriff, desto mutiger fühlte er sich.
»Du bist ja schon da, aber wie siehst du überhaupt aus? Du hättest dich wirklich ein wenig zurechtmachen können!«, drang die vertraute Stimme seines Peinigers an Kennys Ohr, bevor er den Eingang des Motels erreichte. »Isch bin da, das reeiischt!« Kenny drehte sich um und suchte Halt an der Außenmauer des Gebäudes, bevor er noch das Gleichgewicht verlor.
»Idiot! Du stinkst wie ein ganzer Schnapsladen.«
»Deinen kleinen Schwaaanz ertrag isch sonsch nischt.« Kenny kicherte. Der Boden unter ihm fühlte sich an, als würde er an Bord des Segelschiffes seines Vaters stehen.
»Ich glaube, wir verschieben unser Date auf morgen.«
»Neeiin.« Kenny konnte das auf keinen Fall zulassen. Es musste heute passieren, ein anderes Mal hätte er nicht den Mut dazu.
Bennett betrachtete ihn nachdenklich, stimmte aber schließlich mit einem Nicken zu. »Okay. Doch vorher gehst du kalt duschen.«
Schweigend ließ sich Kenny in die Lobby des Motels führen. Wenige Minuten später betraten sie eines der Zimmer in der ersten Etage. Es war bescheiden eingerichtet, jedoch für das, was der Hurenbock mit ihm vorhatte, ausreichend.
»Los, ab mit dir ins Bad!«, befahl Bennett und zerrte ihn in besagte Richtung.
Kenny besaß trotz seines betrunkenen Zustandes noch genug Willenskraft, um sich gegen ihn zu stemmen.
»Mach schon!«
»Kanscht es wohl nischt erwarten, ihn mir reinzuschtecken, was?«
Sein Gegenüber holte aus und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige.
Wütend kniff Kenny die Augen zusammen und schüttelte den Kopf, um den brennenden Schmerz zu verringern und einen klaren Gedanken zu fassen. Dann griff er in seine Jackeninnentasche. Er umklammerte den lederumwickelten aus Hirschgeweih gefertigten Schaft des alten Jagdmessers, das einmal seinem Vater gehört hatte. Seit seinem Tod trug Kenny es stets bei sich. Bei ihren gemeinsamen Angeltouren auf dem Cayuga Lake hatten sie damit die gefangenen Fische ausgeweidet. Nun würde er dasselbe mit Bennett tun. Schwungvoll zog er das Messer hervor und zeigte mit der Messerspitze auf den Brustkorb seines Peinigers.
»Scheiße! Bist du verrückt geworden?« Der geile Bock sprang einen Schritt nach hinten und aus der Reichweite des Messers. »Was willst du? Mich erstechen?« Obwohl Bennett ihn verhöhnte, zitterte seine Stimme.
»Jaaa«, lallte Kenny, während der Boden erneut unter ihm ins Wanken geriet.
»Mach dich nicht lächerlich.« Bennetts Unsicherheit verwandelte sich in beleidigende Belustigung. »Du kannst nicht mal mehr gerade stehen. Gib mir das Ding, bevor du dir noch wehtust.«
»Haall…t die Schnaauuze!« Kenny gestikulierte wild mit der Schneide vor Bennetts Gesicht herum. Zeitgleich fischte er mit der freien Hand die ausgedruckte E-Mail aus der Hosentasche und warf sie wutschnaubend vor Bennetts Füße. »Du hassst es nischt aanders verdiieent!«
»Was ist das?«
»Liiees!«
Nur widerwillig hob Bennett das völlig verknitterte Stück Papier auf und überflog die Zeilen. Kenny ließ ihn die ganze Zeit über keine Sekunde aus den Augen.
»Ach, deshalb bist du sauer«, sagte der Collegedirektor desinteressiert und zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Es war meine Pflicht meinem besten Freund zu informieren, dass sein Sohn wegen dir sein Studium vernachlässigt. Nick hat eine bemerkenswerte Karriere vor sich. Er besitzt Talent und ist ein erstklassiger Student. Alles, was er anfasst, wird sprichwörtlich zu Gold. Ich konnte nicht zulassen, dass du ihm den Kopf verdrehst! Was hier steht, entspricht lediglich den Tatsachen.«
»Asch…llloch!« Die Wut brodelte in Kenny. Sein Körper bebte. Mechanisch krallte er die Finger um den Griff der Waffe. Obwohl der Boden wiederholt einem schwankenden Bootsdeck glich, hielt er sich wacker auf den Beinen. Vorsichtshalber suchte er Halt, in dem er sich mit dem Rücken gegen die Zimmerwand lehnte. Die Klinge hielt er weiterhin bedrohlich auf Bennett gerichtet.
»Du bist doch selbst schuld an deiner Lage. Hast du geglaubt, nur weil du einmal genug Eier in der Hose hattest, um mich in die Schranken zu weisen, dass ich dein Verhalten ohne Strafe durchgehen lasse? Komm schon, Kenny. Du kennst mich besser. Aber dein Freund Logan hat dir scheinbar Flausen in den Kopf gesetzt. Deshalb stehst du jetzt auch vor mir und fuchtelst mit diesem alten, stumpfen Ding vor meiner Nase herum. Das ist doch von Kyle, oder? Ich erinnere mich, … Rachel hat es ihm kurz vor deiner Geburt geschenkt.« Er knüllte den Brief zusammen und warf ihn achtlos fort.
»Nimm ihre Naamen nischt in den Muuund!« Der Alkoholrausch, der Kenny bis eben fest im Griff gehabt hatte, wurde dank seines Zorns ein wenig in den Hintergrund gedrängt. Das Adrenalin strömte durch seine Adern. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er war bereit, das zu tun, weswegen er sich heute auf das Treffen eingelassen hatte. Bennett hatte eine Bestrafung verdient und er würde sein Richter sein.
»An der Tatsache, dass wir eine gemeinsame Vergangenheit haben, kannst du nichts ändern.« Das gehässige Grinsen seines Gegenübers jagte Kenny einen eiskalten Schauder über den Rücken, intensivierte zudem aber auch seine Abscheu gegen ihn. Schlagartig holten ihn die Erinnerungen ein. Sie malträtierten ihn und verliehen ihm zugleich den notwendigen Mut weiterzumachen.
»Sag schon … was willst du tun? Mich umbringen?« Die Stimme von Bennett klang schneidend. Obwohl Kenny genau das von ihm gewohnt war, sträubten sich ihm die Nackenhaare. »Glaubst du ernsthaft, du kämst mit einem Mord ungeschoren davon? Kenny … Kenny … Kenny. Früher warst du lästig. Heute bist du ein Nichtsnutz. Dein Talent reicht gerade für einen guten Fick. Also gib mir das Messer und sei ein artiger Junge.« Bennett machte einen Schritt auf ihn zu.
»Bleib stehen!«, donnerte Kenny, das Jagdmesser weiter angriffsbereit auf sein Gegenüber gerichtet.
»Hör auf mit dem Scheiß!«, brüllte Bennett zurück. Unbeeindruckt der Gefahr, in der er schwebte, näherte er sich ihm mit ausgestreckter Hand, in Begriff ihm die Waffe zu entwenden.
Doch trotz seines Zustands gelang es Kenny auszuholen und die Klinge fuhr über Bennetts rechten Handrücken. Mit einem schmerzvollen Aufschrei hechtete dieser nach hinten und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Zwischen seinen Fingern quoll ein rotes Rinnsal hervor und das Blut tropfte auf den Teppichboden. Mit zusammengekniffen Augen presste er die Hand gegen die Brust und starrte Kenny ungläubig an. »Besoffene Hure!«, schrie er außer sich. Innerhalb eines Sekundenbruchteils hob er das Bein und trat Kenny mit voller Wucht in den Magen.
Mit dem Gegenangriff hatte Kenny nicht gerechnet und ihm blieb für einen Moment die Luft weg. Er atmete tief durch, ignorierte den Schmerz und stürmte mit dem Jagdmesser ein weiteres Mal auf seinen Peiniger zu. Diesmal war er vorbereitet. Einzig und allein sein angetrunkener Zustand ließ ihn langsamer und unbeholfener reagieren, als ihm lieb war, doch seine Verbitterung stärkte ihn zunehmend. Er strebte nach nichts anderem, als Bennett das Messer ins Herz zu stoßen. Genauso wie er ihm damals die unsichtbare Klinge hineingerammt hatte, als er ihn mit vierzehn zum ersten Mal missbraucht hatte. Kenny wollte dem Mistkerl heimzahlen, dass er ihm alles genommen hatte, was ihm lieb und teuer war. Vor allem sollte er dafür bezahlen, dass man ihn von Nick getrennt hatte. Damit war ihm der wichtigste Mensch aus den Armen entrissen worden, der ihm das zweifellose Gefühl von Vertrauen und Geborgenheit geschenkt hatte. Zornig holte er aus und streifte Bennett mit dem Messer am rechten Oberarm und der Wange.
»Du … du hast mich angegriffen!« Mit schockgeweiteten Augen starrte Bennett ihn an und taumelte zum Bett hinüber. »Dreckige kleine Hure. Das wirst du mir büßen!« Seine Verletzungen ignorierend ging er zornentbrannt auf Kenny los. Mit Händen und Füßen schlug er auf ihn ein, obwohl Kenny sich mit der Waffe wehrte. Plötzlich entglitt ihm das Messer und fiel zu Boden. Um einem erneuten Angriff vorzubeugen, schleuderte Bennett es mit einem Tritt außer Reichweite.
»Leg noch einmal Hand an mich und drohe mir, dann wirst du deines Lebens nicht mehr froh!«, warnte Bennett mit eiskalter Stimme. Schwungvoll verpasste er ihm eine kräftige Ohrfeige. Kennys Kopf ruckte zur Seite und donnerte gegen die Wand. Ihm wurde schwindelig und für einen kurzen Moment war alles um ihn herum dunkel. Benommen sackte er zu Boden und ehe er sich versah, legten sich zwei Hände um seine Kehle. Langsam und stetig drückte Bennett immer fester zu.
Nach Luft ringend, versuchte Kenny verzweifelt, sich zu befreien. Obwohl seine Wut den Alkoholrausch etwas abgeschwächt hatte, fehlte ihm die nötige Agilität sich zu wehren. Für den Bruchteil einer Sekunde bereute er, dass er sich Mut angetrunken hatte. Gerade als er dachte, er würde jeden Augenblick qualvoll ersticken, ließ sein Onkel von ihm ab. Nur um ihn an den Schultern zu packen und mit voller Wucht gegen den Schrank zu schleudern.
»Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du dir wünschen, ich hätte dich erstochen.«
Verwirrt rappelte Kenny sich auf. Das schmerzhafte Stechen im linken Oberarm nahm er kaum wahr. Viel mehr beschäftigte ihn ein Gedanke: Der Saftsack hatte ihn fast umgebracht. Knurrend und aus der Verzweiflung heraus, wollte er sich ein weiteres Mal auf seinen Onkel stürzen, fand sich jedoch unerwartet auf dem Boden wieder.
»Jetzt zeig ich dir, wo du hingehörst«, hörte Kenny die Stimme seines Peinigers, der auf ihm saß und ihn niederdrückte Das Nächste, was er bewusst mitbekam, war der pochende Schmerz am Hinterkopf, dann wurde ihm schwarz vor Augen.

*

Kenny hörte ein Rascheln, gefolgt von einem Geräusch, das sich anhörte, als würde jemand eine Flüssigkeit in ein Glas gießen. Benommen öffnete er die schweren Lider. Flackernde Schatten tanzten im Halbdunkeln an der Decke über ihm. Vorsichtig schielte zur Seite und wurde augenblicklich von rasenden Kopfschmerzen gebeutelt. Sein Kopf wummerte. Es fühlte sich an, als würde ein Presslufthammer seine Schläfen bearbeiten. Mit einem flauen Gefühl im Magen schloss er die Augen und versuchte sich krampfhaft zu erinnern, was passiert war. Noch bevor er sich die letzten Bilder ins Gedächtnis rufen konnte, wurde ihm bewusst, dass etwas über seinem Mund klebte. Als er sich davon befreien wollte, stellte er schockiert fest, dass er an Hand- und Fußgelenken an ein Bett gefesselt war. Die Schmerzen ignorierend hob Kenny den Kopf ein wenig an und wurde von einem grellen Licht geblendet. Er kniff die Augen zusammen und sank auf die Matratze zurück.
»Willkommen zu Hause. Ich dachte schon, du willst die halbe Nacht verschlafen. Leider musste ich ein paar Maßnahmen ergreifen, damit du mir nicht gleich wegrennst. Das verstehst du doch. Wir zwei sind nämlich alles andere als fertig«, erklang die ihm verhasste Stimme von Bennett.
Kennys Herzschlag beschleunigte sich und er begann, am ganzen Körper zu zittern. Nebenbei bemerkte er, dass er nicht nur angekettet, sondern auch nackt war. Er atmete hektisch durch die Nase und hätte dem Hurenbock zu gerne einen Tritt in die Weichteile verpasst. Außerdem wollte er ihm seine Abscheu entgegen brüllen, doch das Stück Klebeband über dem Mund ließ das nicht zu.
»Ich dachte, wir gestalten die heutige Nacht wie in guten alten Zeiten«, sagte Bennett mit bissigem Unterton und versteckte sich hinter dem grellen Licht und der Videokamera, deren Fokus direkt auf das Bett gerichtet war.
Kenny schluckte panisch und glaubte sich in einem Albtraum. Zugleich wurde er von Wut gepackt. Von seinem Rausch waren lediglich die Kopfschmerzen und eine leichte Übelkeit zurückgeblieben. Unerträglicher als beides zusammen, waren die furchtbaren Erinnerungen, die er mit diesem Raum verband. Hier lebte der hoch angesehene und immer korrekte Collegedirektor Louis Bennett seit jeher seine krankhaften Fantasien aus. Zuerst hatte er sich Stricher von der Straße geholt und sich an ihnen vergriffen, bis er eines Tages ihn auserwählt hatte. Es war nicht allein der eigentliche Akt, der Kenny anwiderte, sondern darüber hinaus die Tatsache, dass das Arschloch seine perversen Spielchen auf Video aufnahm, um sich später daran zu ergötzen. Es gab allein von ihm mehr als ein Dutzend solcher privat gedrehter Pornos, die vielen anderen mit den unbekannten jungen Männern nicht mitgerechnet. Zudem wusste er, dass aus dem Raum kein Ton nach draußen drang. Dafür hatte sein Peiniger gesorgt, denn von der Decke bis zum kalten Fußboden war alles schalldicht isoliert. Auch wenn er es schaffen sollte, sich zu befreien, würde ihm das nichts bringen. Die Tür war von außen abgeschlossen und nur Bennett besaß den Schlüssel. Dass ihn hier jemand finden würde, war ebenfalls unwahrscheinlich. Dafür müsste man ihn erst einmal suchen und die versteckte Geheimtür in der Garage finden. Sie war der einzige Weg in den Folterkeller.
»Du hast einen großen Fehler begangen«, sagte sein Onkel unbarmherzig und trat näher an das Bett heran, sodass Kenny ihn sehen konnte. Er hatte das blutige Hemd ausgezogen. Die verletzte Hand und der Oberarm waren bandagiert. An seiner Wange leuchtete ein verkrusteter roter Streifen. Er hielt eine Art Pistole vor sich, die Kenny als Elektroschocker identifizierte.
»Für den lächerlichen Versuch, gegen mich aufzubegehren, hast du eine ordentliche Züchtigung verdient. Du weißt doch, jedes Mal wenn du unartig bist, wirst du bestraft«, flüsterte Bennett diabolisch und betätigte den Knopf der Impulswaffe. Zwischen den beiden Elektroden zuckten kleine, zischende Blitze.
Wild an den Fesseln zerrend wand sich Kenny auf der Matratze hin und her. Es stand nicht die Frage im Raum, ob sein Onkel die Waffe benutzen würde, sondern wie lange. Mit einem Ruck wurde der Klebestreifen von seinem Mund gerissen.
»Meine neuste Errungenschaft. Gefällt sie dir? Der letzte Typ hatte sich einige Verbrennungen zugezogen.« Ein hämisches Grinsen breitete sich auf dem verhassten Gesicht aus.
»Du krankes Arschloch!« Kenny spuckte Bennett ins Gesicht und bereute es auf der Stelle.
Am rechten Oberschenkel durchzuckte ihn jäh ein gewaltiger, brennender Schmerz, der binnen eines Sekundenbruchteils seinen gesamten Körper erfasste. Seine Muskeln verkrampften. Gerade als er glaubte, ohnmächtig zu werden, hörte die Folter abrupt auf.
»Ich erkläre dir jetzt noch einmal die Regeln.« Bennett nestelte an der Einstellung des Elektroschockers herum. »Bei jedem ungebührlichen Verhalten kommt mein Spielzeug zum Einsatz. Und mit jeder Bestrafung erhöhe ich die Voltzahl.«
»Verreck doch!«, presste Kenny zwischen zusammengepressten Lippen hervor und rüttelte verzweifelt an den Fesseln, die jedoch keinen Millimeter nachgaben.
Ohne ein weiteres Wort setzte Bennett die Elektroden erneut an Kennys Haut und die unvorstellbare Qual durchfuhr ihn ein weiteres Mal. Er war dem Mistkerl machtlos ausgeliefert. Obwohl er alles um sich herum nur noch verschwommen wahrnahm, erkannte Kenny genau, dass das kranke Schwein genoss, was er ihm antat. Der Atem seines Onkels ging schneller und sein erregter Blick ruhte auf ihm, damit ihm nicht eine Sekunde seines Schmerzes entging. Am Rand des Bewusstseins bekam Kenny mit, wie Bennett den Elektroschocker zur Seite legte. Mit den Fingerspitzen begann er, sanft über die verbrannten Hautstellen zu streicheln. Angeekelt verzog Kenny das Gesicht und kniff die Augen zu. Er wollte auf gar keinen Fall in die teuflische Fratze blicken.
»Sobald ich mit dir fertig bin, weißt du, wie du mir zu gehorchen hast. Und schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!« Um seine Worte zu unterstreichen, holte Bennett aus und verpasste Kenny zwei kräftige Ohrfeigen, die ihm die Tränen in die Augen trieben. Wie sehr er diesen Teufel verachtete.
»Da fällt mir ein, ich habe da noch was für dich. Schließlich konnte ich Kyles Messerchen nicht im Motel liegen lassen. Das hätte nur Fragen aufgeworfen«, sagte Bennett schneidend. Im Licht des Scheinwerfers blitzte plötzlich die Schneide des Jagdmessers auf.
Kenny starrte entsetzt auf die Waffe, die Zentimeter um Zentimeter näherkam. Im nächsten Augenblick spürte er den kalten Stahl auf seiner Brust.
»Du hast es gut in Schuss gehalten«, säuselte sein Onkel und drückte die Klinge in Kennys Haut. Der Schnitt war nicht tief genug, um ihn ernsthaft zu verletzten, dennoch brannte er höllisch. Panisch schrie Kenny auf. Doch es war keinesfalls der stechende Schmerz, der ihn in Angst versetzte. Es war das warme Gefühl und der Geruch des eigenen Blutes, das sich in einem kleinen Rinnsal einen Weg über seinen entblößten Oberkörper suchte.
Einen Moment später fühlte er abermals das unerträgliche Brennen der zischenden Elektroden. Sein Körper krampfte erneut, sein Kopf dröhnte und ihm wurde speiübel.
»Du weißt, ich tu das nicht gerne, aber du musst lernen, wo du hingehörst.«
Bennett spielte mit dem Messer in der Hand und betrachtete es eingehend. Kenny wünschte sich, er wäre in der Lage, es ihm abzunehmen. Stattdessen war er dem Psychospiel seines Peinigers hilflos ausgesetzt.
Absichtlich langsam zog Bennett die scharfe Schneide Kennys Oberschenkel entlang hinauf bis zum Brustkorb. Er genoss sichtlich die Macht, die er über sein Opfer hatte. Mehr noch, es erregte ihn. Stöhnend rieb er über die Beule in seiner Hose. Als die Klinge an Kennys Kehle ankam, hielt sein Onkel inne und starrte ihn mit kalten, blauen Augen an.
Kenny rechnete damit, dass er ihm die Luftröhre aufschlitzen und zusehen wollte, wie er erstickte. Doch Bennett warf das Messer mit Wucht an die Wand neben seinem Kopf, in der es stecken blieb. Dann entledigte er sich seiner Kleidung, um sich nackt zu ihm zu setzen. Mit der unverletzten Hand fuhr er zärtlich über die Schnittwunden und verstrich das Blut behutsam auf seiner Haut.
Schwer atmend und mit einem elenden Bauchgefühl ließ Kenny seinen Peiniger keine Sekunde aus den Augen. Er konnte den Mistkerl nicht einschätzen. Schon früher hatte er sich manchmal während ihrer Sessions seltsam verhalten, aber was er gerade tat, ging über all das weit hinaus. Kurz darauf griff er sich mit den blutverschmierten Fingern erneut an das eigene erigierte Glied und stöhnte auf. Von Widerwillen erfüllt wandte Kenny den Blick ab, konnte jedoch immer noch hören, was geschah. Bennett trieb sich mit lauten Seufzern zum Höhepunkt, bis er mit einem Brummen seinen Samen über Kennys Bauch spritzte.
Mit absoluter Willenskraft presste Kenny die Lippen aufeinander, bevor ihm irgendetwas herausrutschte, das ihm nur weitere Schmerzen bereiten würde. So lag er da und fragte sich, welche Abscheulichkeiten Bennett mit ihm vorhatte. Doch egal was es war, er konnte nichts dagegen tun. Er war ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

*

Von einem eiskalten Schwall Wasser getroffen riss Kenny erschrocken die Augen auf. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und sein Körper zitterte unkontrolliert.
»Wach auf, du Schlappschwanz!«, bellte Bennett.
Nur langsam kehrten Kennys Erinnerungen zurück. Erinnerungen, die er am liebsten verdrängen wollte. Im Laufe der Nacht hatte ihn sein Onkel ausgiebig gefoltert. Zum Schluss hatte er ihm einen Ringknebel zwischen die Zähne geschoben und Kenny gezwungen, ihn oral zu befriedigen. Vor ihm kniend und an Händen und Füßen gefesselt, war ihm nichts anderes übrig geblieben, als es über sich ergehen zu lassen. Bennett hatte ihm sein Glied so tief in den Rachen gerammt, dass er mehrmals dachte, er würde daran ersticken. Als er endlich abspritzte, waren ihm vor Erleichterung die Tränen über die Wangen geronnen. Er hatte gehofft, dass das kranke Schwein nun von ihm ablassen würde, doch er hatte ihn sofort an das Andreaskreuz gestellt, an dem er immer noch fixiert war. Kenny wusste nicht, wie viel Zeit inzwischen vergangen war, seit er ohnmächtig zusammengesackt war. Die festen Lederfesseln schnitten sich in seine Haut. Er konnte gerade einmal mit den Fußspitzen den Boden berühren. Um ihn am Schreien zu hindern, hatte er jetzt einen Lederknebel im Mund.
Das aller Schlimmste war jedoch der Wandspiegel, der ihm gegenüberstand. Sobald er die Augen öffnete, starrte ihm sein Konterfei entgegen. Egal wie er den Kopf drehte, er entkam seinem Spiegelbild nicht. Sich in dieser ausweglosen Situation betrachten zu müssen, war schon Folter genug, doch seinem Onkel hatte das nicht genügt. Um ihn zusätzlich zu demütigen, hatte das Schwein ihm mit seinem Blut das Wort Hure auf die Brust geschrieben. Somit war er verdammt, es immer und immer wieder zu lesen. Er war keine Hure! Er würde nie eine sein! Er würde niemals Louis Bennetts Hure sein! Niemals! Tränen schossen ihm in die Augen und er kniff sie zusammen. Er musste verbergen, wie sehr ihn das mitnahm.
»Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede! Oder muss ich etwa erneut den Elektroschocker holen, damit du mir gehorchst?«
Bennett war so nah an ihn herangetreten, dass Kenny seinen Schweiß riechen konnte. Da er wusste, dass es keine leere Drohung war, die sein Onkel ausgesprochen hatte, zwang er sich dazu ihn anzusehen.
»So ist es brav, ich wusste doch, dass wir uns verstehen.« Bennett tätschelte Kennys Wange, als wäre er ein räudiger Straßenköter. »Ich muss gleich ins College. Bevor ich gehe, habe ich ein kleines Geschenk für dich. Wie du sicher weißt, sollte man seiner Herzdame hin und wieder Schmuck schenken.«
Aufgrund der Art, wie Bennett das sagte, befürchtete Kenny das Schlimmste und sein Verdacht bestätigte sich, als sein Onkel etwas Silbernes hinter seinem Rücken hervorholte. In der Hand hielt er zwei Brustklemmen, die mit einer Kette verbunden waren.
Er wollte ihm die Worte »Perverses Schwein!« entgegenschleudern, aber durch den Knebel drang lediglich ein undefinierbares Wimmern. Soweit war der Dreckskerl in der Vergangenheit nie gegangen. Auspeitschen und die Verwendung von ledernen Hand- und Fußfesseln waren bisher die gängigen Sexspielzeuge gewesen, mit denen Bennett sich bei ihren Treffen begnügte. Kenny ahnte, dass er weitere Folterwerkzeuge in dem verschlossenen Schrank am Ende des Raumes hortete. Wahrscheinlich würde er bald mit dem einen oder anderen Bekanntschaft machen müssen.
Ehe sich Kenny versah, befestigte Bennett eine der Klemmen an seiner linken Brustwarze, woraufhin er augenblicklich von einem qualvollen Stechen überwältigt wurde. Er wusste, dass das Arschloch vor seiner anderen Brust ebenfalls nicht haltmachen würde, und biss die Zähne auf das Leder in seinem Mund. Mit aller Kraft gelang es ihm, ein gequältes Stöhnen zu unterdrücken, während Bennett die zweite Klammer ansetzte. Als sein Onkel jedoch auch noch an der Kette zog, entfuhr ihm ein schmerzerfülltes Jammern.
»Da will ich dir etwas Gutes tun und du verachtest es«, meinte Bennett kopfschüttelnd und hielt plötzlich die Elektropistole in der Hand. »Du weißt, was das bedeutet.«
Von einer Sekunde zur nächsten durchzuckte Kennys Körper wieder diese brennende Pein. Er konnte das notgeile Schwein nur aufhalten, indem er aufhörte, sich zu widersetzten. Doch genau das kam nicht infrage. Obwohl er den krankhaften Machtspielchen hilflos ausgeliefert war, würde er seinem Onkel nie das geben, wonach er verlangte: Fügsamkeit.
Irgendwann ließ Bennett von ihm ab. Er hatte mehr als einmal den Knopf des Schockers gedrückt. Kenny wusste nicht wie oft und wie lange. Am Rand seines Bewusstseins hörte er eine Tür zuknallen und er war mit dem dämmrigen Licht einer flackernden Kerze und der Videokamera allein. Erleichtert gab er sich der Erschöpfung hin und floh in die willkommene Schwärze einer Ohnmacht.

.

KAPITEL DREI

Nervös steckte sich Logan die dritte Zigarette in Folge an. Inzwischen war es fast drei Uhr nachmittags und Josh längst überfällig. Sein zukünftiger Schwager hatte ihm versprochen, um zwei da zu sein. Zum wiederholten Mal griff er nach dem Smartphone und wählte die Nummer des Bandkollegen.
Gerade, als er das Freizeichen hörte, ertönte die unverwechselbare Metallica Melodie von Joshs Handy in unmittelbarer Nähe. Sekunden später kam er auch schon um die Ecke und spazierte mit abgehetzter Miene in Logans Wohnzimmer.
»Sorry, es ging nicht früher«, entschuldigte sich der Bassist und setzte sich in den Sessel. »Kennst ja Freddy. Man könnte ihn in Sklaventreiber umtaufen, und er wäre noch stolz darauf.«
Logan winkte ab. Das Thema Stiefvater war das Letzte, worüber er im Moment sprechen wollte. Gegenwärtig zählte nur eins: Josh war endlich da. Logan war kurz vorm Durchdrehen. Kenny war seit ihrem Streit wie vom Erdboden verschluckt und er konnte nicht auf eigene Faust nach ihm suchen. Er musste sein Bein schonen und war an das verdammte Ledersofa gefesselt. Es schmerzte pausenlos und war steif, deshalb hielt er es freiwillig hochgebettet. Außerdem war er gut versorgt. Eine halbvolle Wasserflasche, eine Kanne Kaffee und verschiedene Cracker standen auf dem Couchtisch. Die hatte seine Mutter erst vor zwei Stunden dort für ihn platziert, bevor sie wieder gegangen war, um mit Megan in den Baumarkt zu fahren. Die beiden hatten damit begonnen, diverse Sachen für die neue Wohnung einzukaufen. »Wenn du etwas trinken willst, bedien dich. Mein Bein bringt mich heute um. Die blöde Reha hat bisher null gebracht. Es kommt mir vor, als würden die Schmerzen schlimmer und nicht besser werden.«
»Du musst Geduld haben, das braucht Zeit. Sei froh, dass du aus dem Krankenhaus raus bist. Und die Ärzte prognostizieren dir gute Heilungschancen. Dein Arm ist in Ordnung, keine Wirbelverletzung und der Rest verschwindet während der Reha. Wirst sehen. Ist wegen der Anzeige bei der Polizei schon was rausgekommen?«
»Nein. Die tappen weiter im Dunkeln. Ehrlich gesagt denke ich nicht, dass sie den Mistkerl, der den Van gefahren hat, noch erwischen. Der ist längst über alle Berge.«
»Du hast mich aber bestimmt nicht deswegen angerufen, oder?« Der Freund seiner Schwester zwinkerte ihm zu und stand auf. »Bin kurz in der Küche.«
Josh kam mit einer geöffneten Dose Cola zurück und warf sich erneut in den Sessel. »Du musst Kenny sagen, er soll euren Getränkevorrat auffüllen. Es sind nur noch ein paar Bierdosen und Orangensaft im Kühlschrank. Erzähl, was ist los? Du hast dich vorhin am Telefon echt verzweifelt angehört.« Er zündete sich eine Zigarette an und nahm einen kräftigen Zug.
»Ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen soll«, antwortete Logan ausweichend. Bis eben hatte er noch genau gewusst, wie und was er erzählen wollte, nun war sein Kopf wie leer gefegt.
»Raus mit der Sprache. Liebeskummer?«
»Schön wär’s. Es geht um Kenny. Er ist seit fünf Tagen spurlos verschwunden.«
Verwirrt starrte Josh ihn an. »Was heißt verschwunden? Er haut doch nicht einfach so ab.«
»Wir hatten am Montag einen ziemlich heftigen Streit«, gestand Logan, wobei er den wahren Grund ihrer Diskussion verschwieg. »Du kennst doch den Kleinen. Ein Wort gab das andere und zum Schluss ist er stinksauer abgerauscht. Ich hatte ihm zwar gedroht, dass er nicht mehr hier auftauchen soll, bis er vernünftig geworden ist, aber ich meinte es nicht so.«
»Okay. Und jetzt denkst du, er ist deswegen abgehauen?«
Logan seufzte geknickt. »Nein. Das war nicht unser erster Streit. Ich weiß, seine Nerven liegen seit der Sache mit Nick blank. Dennoch haut Kenny auf keinen Fall ab, ohne irgendjemanden Bescheid zu geben. Zumindest zu mir hätte er etwas gesagt. Klar, er hat seinen Dickschädel. Trotzdem: Ohne ein Wort zu verschwinden, das ist nicht Kenny. Eigentlich dachte ich, sobald er sich wieder beruhigt hat, kommt er zurück und verkriecht sich schmollend im Wohnwagen … oder er rennt zu euch. Als Blair mich am Dienstagmorgen anrief und sich erkundigte, ob Kenny krank sei, fing ich an, mir ernsthafte Sorgen zu machen. Kenny ist so stolz auf den Job. Den würde er nicht so leichtsinnig aufs Spiel setzen, bloß weil er sauer auf mich ist.«
»Stimmt. Das passt nicht zu ihm. Er ist zwar impulsiv und ebenso ein Sturkopf wie du, aber er würde wenigstens einem von uns sagen, was er vorhat.« Josh legte die Stirn in Falten.
»Er geht nicht an sein Handy. Inzwischen erreiche ich nur noch die Mailbox.«
»Hast du eine Ahnung, wo er stecken könnte? Vielleicht ein Ex-Lover oder so?«
»Nein. Sonst hätte ich dich nicht ins Vertrauen gezogen. So ein Verhalten sieht ihm nicht ähnlich. Und wie ich von Mum erfuhr, war er die letzten Tage auch nicht bei euch.«
Josh trank einen Schluck. »Im Moment bin ich ratlos. Die Sache mit Nick ist echt unglaublich. Die beiden gaben ein schönes Paar ab. Hatte sogar den Eindruck, als würde Nick unseren Kleinen etwas zähmen. Doch seit dem Zwischenfall hat er sich verändert. Er wirkt angriffslustiger als je zuvor, und irgendwie scheint ihn nichts mehr wirklich zu interessieren. Nicht einmal an Weihnachten kam er zu uns. Dana war sehr enttäuscht, aber das hat sie dir vermutlich gesagt. Hast du schon mal in den Krankenhäusern nachgefragt? Oder bei der Polizei?«
»So schlau war ich bereits. Und eine Vermisstenanzeige wollten die Arschlöcher nicht aufnehmen, da Kenny ein erwachsener Mensch mit eigenem Willen ist. Er kann sich in einem freien Land frei bewegen«, äffte er den Polizeibeamten nach. »Nur weil ich mir Sorgen mache, liegt kein vordergründiges Verbrechen vor. Da sagt man immer, die Bullen … dein Freund und Helfer.«
»Vergiss sie! Bei einem Kind wären sie sofort zur Stelle. Zurück zum Thema. Hat Kenny irgendwelche Rückzugsorte, wo er manchmal hingeht? Oder Bekannte, wo er untergekommen sein könnte?«
»Einige der Losertypen kenne ich persönlich. Die habe ich schon gefragt, sie wissen nichts. Von den anderen weiß ich lediglich, wo sie ab und an aufkreuzen. Und Orte gäbe es genügend. Nur wie du siehst, bin ich zurzeit nicht in der Lage allein durch die Gegend zu humpeln.«
Josh zwinkerte ihm aufmunternd zu. »Dafür bin ich ja jetzt da. Meine Klapperkiste steht vor der Tür. Wir suchen ihn gemeinsam. Vielleicht hilft uns Kaden dabei. Er kennt mehr Ecken in Ithaca, als wir beide zusammen. Bevor wir losziehen, muss ich allerdings kurz Megan anrufen.«
»Die Idee mit Kaden finde ich gut. Meine Schwester müssen wir aber außen vor lassen, sie rennt sonst gleich zu Mum und dann haben wir zwei hysterische Weiber, die sich sorgen. Das ist das Letzte, das wir im Moment gebrauchen können. Du verstehst?«
Josh nickte wissend. »Meine Lippen sind versiegelt. Dann telefonier du mit Kaden. Ich lasse mir eine glaubhafte Ausrede einfallen, warum ich schon wieder nicht bei der Wohnungs-Renovierung helfen kann. Megan wird mich umbringen.«

*

»Er kann nicht spurlos verschwunden sein!«, brüllte Logan seinen Frust heraus.
Egal wo er mit Kaden und Josh in den vergangenen Stunden nach Kenny gesucht hatte, die Spur war kälter als das Eis der Antarktis. Nicht einmal die Kerle in den zwielichtigen Bars der Umgebung, in denen Kenny früher gerne Typen für One-Night-Stands aufgegabelt hatte, wussten etwas über seinen Verbleib. Sogar Kadens Geheimtipps als Sozialarbeiter verliefen im Sand. Er hatte Kennys Bild einigen seiner Kollegen und etlichen Jungs und Mädels auf der Straße gezeigt. Kein Mensch hatte ihn gesehen, niemand besaß die leiseste Ahnung, wo er sich derzeit aufhielt. Frustriert waren sie ins Loft zurückgekehrt und überlegten, welche Optionen sie bislang außer Acht gelassen hatten.
»So langsam bekomme ich echt ein flaues Gefühl. Da nicht mal meine Informanten was wissen, gehen mir allmählich die Möglichkeiten aus.« Kaden seufzte und ging zum wiederholten Mal seine Kontaktliste im Handy durch.
»Eventuell … verdammt Kenny, ich hoffe, dass ich falsch liege«, sagte Logan mehr zu sich selbst und kassierte prompt fragende Blicke. Wenn er seinem Freund helfen wollte, müsste er Dinge preisgeben, die er eigentlich für sich behalten wollte. Doch hatte er eine Wahl?
»Erleuchte uns«, forderte Josh ihn auf und lehnte sich auf dem Sessel nach vorne. Er wirkte so angespannt, wie Logan sich fühlte.
»So einfach ist das nicht …« Mit einem Schlag überkam ihn ein ganz mieses Gefühl. Bisher hatte er diese Möglichkeit weit von sich geschoben, denn sie klang so abwegig, als würde es täglich in der Atacama Wüste regnen. Logan schluckte merklich und zündete sich eine Zigarette an. Mit besorgniserregender Miene schaute er beide an. »Ihr wisst, dass Kenny wie ein Bruder für mich ist … Ich weiß Sachen über ihn, von denen ihr nicht einmal etwas ahnt. Ich hoffe ja, dass ich mit meiner Vermutung auf dem Holzweg bin, inzwischen bin ich jedoch bereit, auch dieses absurde Szenario in Betracht zu ziehen.«
»Was meinst du?« Kaden sah ihn fragend an.
»Spann uns nicht auf die Folter.« Josh, der normalerweise immer ein Grinsen im Gesicht hatte, wirkte mittlerweile sehr ernst.
»Okay Jungs. Ihr müsst mir aber versprechen, niemandem ein Sterbenswörtchen zu erzählen. Am wenigsten Megan und meiner Mum schon gar nicht. Ich komme eh in Teufels Küche, weil ich es euch anvertraue. Nicht auszudenken, was passiert, wenn das rauskommt.«
Seine Bandkollegen nickten irritiert.
»Ich befürchte, dass Kenny nicht bloß ein bisschen, sondern ziemlich tief in der Scheiße steckt. Es geht um seinen Ziehvater. Ich weiß, wo der Mistkerl wohnt, weil ich dort mal als Gärtner gearbeitet habe, bevor ich den Job in der Werkstatt bekam. Ihr wisst doch …«
»Okay. Und an was genau denkst du?« Josh sah Kaden an, der wiederum nur ratlos mit den Schultern zuckte.
»Kurz gesagt, es geht um Louis Bennett.«
»Der piekfeine Collegedirektor?«, hakte Josh verwirrt nach.
Logan seufzte. »Genau der. Er ist Kennys Ziehvater. Die beiden hatten noch nie ein gutes Verhältnis zueinander. Aus dem Grund ist er mit achtzehn auch sofort ausgezogen. Bennett ist ein unangenehmer Kerl und war mir von Anfang an suspekt. Außerdem hat er Kennys Lage aufs Schändlichste ausgenutzt.«
»Hat er denn in letzter Zeit überhaupt Kontakt zu ihm?«, erkundigte sich Kaden.
»Seit der Sache mit Nick, ja. Deshalb glaube ich, er könnte dort sein.«
»Was willst du tun? Anrufen?«
»Nein. Wir fahren hin. Damit wir uns bei ihm umsehen können, muss Bennett allerdings verschwinden. Ich habe sogar eine Idee, wie wir das hinbekommen. Seid ihr dabei?«
»Was für eine Frage!« Josh schien schon fast beleidigt und auch Kaden stand auf und drängte zum Aufbruch. »Dann lasst uns loslegen. Erzähl uns von deinem Plan im Auto.«
»Hoch mit deinem faulen Hintern«, kam es von Josh, und sie halfen Logan auf.
»Jungs … bevor wir zu dem Kerl fahren, müssen wir einen Abstecher ins Fitnessstudio machen.«
»Kumpel, du sprichst in Rätseln.«
»Macht einfach. Erklärungen folgen zu gegebener Zeit.« Logan grinste und humpelte mit den Krücken zur Wohnungstür hinaus.

*

Eine Viertelstunde später parkte Josh seinen verbeulten Ford Fiesta am Straßenrand. Inzwischen hatte Logan beide in den Plan eingeweiht. Ihre überraschten Gesichter hatten ihn einen Moment seine Sorgen um Kenny sogar vergessen lassen. Sein künftiger Schwager hatte zwar den Versuch unternommen es ihm auszureden, doch erfolglos. Kaden wiederum nahm es schweigsam hin. Ihm ging es einzig darum, Kenny zu finden, egal was sie dafür tun mussten.
»Seht ihr ihn schon?« Logan blickte aus dem Fenster auf die gegenüberliegende Straßenseite.
Er wusste, dass Cole immer diesen Weg nahm. Jetzt hoffte er nur, dass er nicht ausgerechnet heute seine Gewohnheiten geändert hatte.
»Bisher nicht.« Josh starrte die schwach beleuchtete Straße hinunter und zog an seiner Zigarette. Die Scheibe war ein Stück herunter gekurbelt, um sie nicht alle einzuräuchern.
»Warte mal … ist er das?« Kaden deutete mit dem Kinn auf einen jungen Mann in einer dicken Winterjacke, der sich den Schal und die Mütze tief ins Gesicht gezogen hatte. Draußen herrschten Minusgrade und im Radio hatte der Wetterexperte erst vor wenigen Minuten neue Schneefälle für die kommenden Tage vorhergesagt.
Im Lichtkegel einer Straßenlampe war Cole Thompson schließlich deutlich zu erkennen. Er war allein unterwegs, von den Volltrotteln, die er seine Freunde nannte, war weit und breit nichts zu sehen. Welch ein Glücksfall!
»Los geht’s!« Logan fiel ein Stein vom Herzen. Er hatte befürchtet, ihn mit seinen lästigen und homophoben Kumpels anzutreffen.
Josh warf den Glimmstängel fort und stieg aus. Kaden folgte und gemeinsam überbrückten sie im Laufschritt die kurze Distanz. Logan quälte sich indes mit schmerzendem Bein aus dem Wagen und humpelte auf Krücken hinterher. Noch bevor er sein Ziel erreichte, hörte er einen heftigen Wortwechsel.
»… ihr Idioten. Lasst mich in Ruhe. Ihr geht mir auf die Nerven«, blökte Cole und versuchte, sich an dem Bassgitarristen und dem Drummer vorbeizudrängen.
»Dieses Mal nicht, Bürschchen. Mein Freund will ein paar Takte mit dir quatschen.« Kaden stellte sich ihm erneut in den Weg.
Nicks ehemaliger Zimmergenosse, war offensichtlich uneinsichtig und machte einen weiteren Schritt nach vorne. Doch Josh packte ihn am Arm und drückte ihn gegen die Hauswand.
»Lass mich los, oder ich schreie!« Cole holte mit der Hand zum Schlag aus. Kaden war jedoch schneller und hielt ihn davon ab. Coles mies gelauntes Gesicht erstarrte vor Überraschung, als Logan in Sicht kam. Der Blonde verschränkte trotzig die Arme vor der Brust und wich Logans Blick aus, indem er desinteressiert auf den Boden schaute.
»Ich habe keinen Bock auf dich und deine Bodyguards.«
»Wenn ich ehrlich bin, verlangt es mir auch nicht unbedingt danach. Aber ich bin gekommen, um einen Gefallen einzufordern. Du erinnerst dich?«
Die Miene seines Gegenübers verwandelte sich von gleichgültig in fassungslos. Das gefiel Logan. Cole schien sich zu erinnern. Wäre es anders, hätte er sicherlich Bekanntschaft mit seiner Faust gemacht. Logan wusste, dass Cole ihm nun zuhören würde.
»Danke Jungs. Ihr könnt uns allein lassen. Wartet bitte im Auto.« Logan nickte den beiden aufmunternd zu.
»Was ist, wenn das Weichei irgendwas vorhat?«, brauste Josh auf, dem die Aktion von Anfang an nicht behagte. Dabei ließ er bewusst die Fingerknöchel knacken.
»Ihr seid keine zehn Meter entfernt. Mir passiert schon nichts. Und Cole wird sich zurückhalten, da bin ich mir sicher.«
Kaden seufzte. »Du musst es wissen.«. Er zog Josh am Arm. »Komm, lassen wir sie kurz reden. Denk dran, Bürschchen, wir beobachten dich.«
Logan sah seinen Freunden nach, die zwar wie verlangt zum Wagen zurückkehrten, jedoch keine Anstalten machten einzusteigen. Stattdessen lehnten sie sich gegen die Motorhaube und zündeten sich eine Zigarette an. Er wusste, sie würden sofort bei ihm sein, falls Cole Thompson seine Meinung ändern und ihn angreifen sollte. Davon ging Logan allerdings nicht aus. Er kannte ihn leider besser, als ihm lieb war.
»Wie kommst du auf die Idee, dass ich dir einen Gefallen schulde?« Die Haltung seines Gegenübers hatte sich erneut verändert, nachdem sie jetzt allein waren. Er wirkte wieder so arrogant, wie er sich stets gab.
»Ich hatte nicht gesagt, dass du ihn mir schuldest. Du weißt, von wem ich rede. Das konnte ich eben an deiner Mimik erkennen. Es geht um Kenny.«
»Warum? Hat er es endlich geschafft, im Knast zu landen?«
Als Antwort stellte Logan seine Krücke gegen die Mauer und verpasste Cole einen Schlag auf den Hinterkopf.
»Spinnst du, du Penner?« Der Blonde ging bereits in Angriffsstellung über, doch Logan drückte ihm bestimmend die Hand auf die Brust.
»Wenn du nicht willst, dass meine Freunde auf dich losgehen, halte dich zurück.«
Beide sahen sich eindringlich an. Cole rührte sich keinen Zentimeter. Logan erkannte in den dunkelgrünen Augen ein Feuer auflodern, welches er allerdings nicht einschätzen konnte.
»Falls du dich für die Prügel in Rochester rächen willst, kommst du ein bisschen spät, findest du nicht?«
Logan knurrte. »Vergiss den Mist. Du warst angetrunken und wolltest deinen Kumpels zeigen, dass ein ganzer Mann in dir steckt. Bist du dafür nicht langsam zu alt?«
»Hör auf, Scheiße zu labern und sag, was du willst.« Cole war noch immer der gleiche herablassende und feige Mistkerl, wie Logan ihn kannte. Nur zu gerne hätte er ihm hier und jetzt eine Lektion erteilt, aber das musste er auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Gegenwärtig benötigte er seine Hilfe.
»Dann werde ich deinem Gedächtnis mal auf die Sprünge helfen. Erinnere dich an die Sache damals mit Kenny.«
Anstatt zu antworten, nickte Cole bloß und schien plötzlich nicht mehr so kampflustig wie zuvor. Im Gegenteil. Er schluckte sichtbar und fuhr sich unwirsch mit den behandschuhten Händen übers Gesicht.
»Was ist los?«
In knappen Sätzen erzählte Logan von Kennys Verschwinden und der erfolglosen Suche.
»Du glaubst, er ist bei ihm?« Cole wirkte verunsichert, seine Stimme bebte leicht.
»Ich glaube es nicht nur, inzwischen bin ich fest davon überzeugt. Wir haben die ganze Stadt umgekrempelt und nirgends ein Lebenszeichen von ihm entdeckt. Wo sollte er also sonst sein? Und was dein Vater zu tun imstande ist, wissen wir beide verdammt gut.«
»Und was kann ich deiner Meinung nach jetzt tun? Zu ihm gehen und ihm sagen, dass er mit dieser kranken Kacke aufhören soll?«
»Wäre eine Möglichkeit, aber totaler Schwachsinn. Als hätte er je auf dich gehört. Er bezahlt dein Studium. Ansonsten ist er doch froh, wenn er dich Loser nicht zu Gesicht bekommt.«
»Ach, halt die Klappe.«
»Hm. Ein besserer Spruch fällt dir nicht ein?« Logan grinste zufrieden. »Kenny ist an deiner Stelle eingesprungen und das bereits seit sechs Jahren. Kram deine letzten Gehirnzellen aus und denk nach. Dein Cousin hat dir im wahrsten Sinn den Arsch gerettet. Als Dank erhält er von dir nur blöde Sprüche. Und in deiner Freizeit hetzt du ihm sogar deine hirnlosen Freunde auf den Hals. Wäre Kenny und Nick damals etwas passiert, hätte ich dich zu Brei verarbeitet.«
»Ich bin doch dazwischen gegangen!«, rechtfertigte sich Cole. »Ich wusste nicht, dass Percy und die anderen etwas planten. Ich wusste ja nicht mal, dass sie herausgefunden hatten, dass Nick schwul ist.«
»Aber du wusstest es.« Logan legte ihm sprichwörtlich die Pistole auf die Brust.
»Ja.« Cole senkte beschämt den Blick.
»Sieh mich an!«
Cole leistete überraschend schnell Folge. So wenig Widerstand hatte Logan nicht erwartet.
»Ich habe das alles bloß getan, damit Nick nicht auffliegt. Es hat mir echt keinen Spaß gemacht. Die Jungs kennen kein Pardon.«
»Bei dir auch nicht?«
»Geht es jetzt um mich oder um Kenny?« Trotzig blickte der Blonde ihn an.
Logan ließ die Sache vorerst auf sich beruhen, gleichwohl sein Verdacht sich gerade bestätigt hatte. »Wie gesagt, ich fürchte, dein Vater hat Kenny in seiner Gewalt«, kam er ohne Umschweife auf das heikle Thema zurück. »Ich habe genug mitbekommen, um deswegen ernsthaft besorgt zu sein. Er hat ihn früher nicht nur missbraucht, sondern auch zu perversen Sexspielen gezwungen. Das weiß ich, weil ich derjenige war, der ihm anschließend die Wunden versorgt und ihn moralisch unterstützt hat. Genauso wie ich weiß, dass dein Vater hinter dem Angriff dieser Drecksäcke steckt, die Kenny damals fast umgebracht hätten. Mir fehlen zwar die Beweise, doch wer sollte es sonst gewesen sein? Es hat ihm nicht gepasst, seinen Toy-Boy zu verlieren. Aber lassen wir das. Kommen wir lieber zu dem Gefallen, um den ich dich bitten möchte. Du musst für uns im College den Feueralarm auslösen. Wie du das hinbekommst ist mir egal.«
Cole schwieg und schien ernsthaft zu überlegen.
»Was ist jetzt? Bist du dabei?«, hakte Logan nach einigen Momenten Bedenkzeit nach.
»Ja, bin ich. Und was tust du in der Zeit?«
»Ich hole mit den Jungs Kenny da raus.«
»Und wenn mein Alter dort ist?«
»Du kapierst es immer noch nicht, oder?« Logan konnte es Cole ansehen, als ihm die Erleuchtung kam.
»Ich bin vielleicht ein Feigling, aber ich bin keineswegs doof.«
Diese Worte quittierte Logan mit einem Grinsen.
»Was mache ich, falls die Sache schief geht? Was, wenn mein Alter nicht auftaucht?«, platzte Cole unvermittelt heraus.
Seufzend schüttelte Logan den Kopf. »Er wird auftauchen. Als Direktor ist er verpflichtet ins College zu kommen, sobald der Feueralarm ausgelöst wird. Meine Jungs und ich legen uns auf die Lauer. Wir wagen den Versuch erst, wenn er das Haus verlassen hat. Du musst uns lediglich etwas Zeit lassen. Warte eine halbe Stunde, bevor du den Alarm auslöst.«
»Und wenn ich erwischt werde?«
»Hör auf, nach Ausreden zu suchen. Tu einmal in deinem Leben das Richtige!« Langsam verließ Logan die Geduld.
»Schon gut. Ich bin ja dabei.«
»Das war eine weise Entscheidung.« Logans Grinsen wurde breiter und ihm fiel ein schwerer Stein von den Schultern. Er hätte Cole nur ungern gezwungen. »Wir brauchen noch die Zahlenkombination für die Alarmanlage. Als Belohnung erhältst du die einmalige Gelegenheit das zu tun, was du von dem Tag an tun wolltest, als wir uns das erste Mal trafen. Ergreife sie, es wird deine erste und gleichzeitig letzte Chance sein.«
Cole starrte ihn an. Der Unglaube stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Logan amüsierte sich köstlich, denn er wusste um den unwiderstehlichen Köder, den er ihm soeben vor die Füße geworfen hatte.
»Überleg nicht zu lange, die Zeit läuft uns davon!«, drängte er und behielt Cole eindringlich im Auge.
»Ich … ich … wir sind nicht …«, stotterte Cole. Mit verwirrtem Blick sah er nach links und rechts und fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. »16674. Das ist der neue Code. Aber du … du kannst doch nicht … das … das …«
Logan war mit der Geduld am Ende. Er beugte sich vor, sodass sich beinah ihre Nasenspitzen berührten. Coles schneller Atem kitzelte seine kalten Wangen. Erwartungsvoll schloss der Blonde die Lider und einen Moment später trafen sich ihre Lippen. Fordernd drang er mit der Zunge in Coles Mundhöhle ein und gab sich dem Kuss hin, der innerhalb eines Sekundenbruchteils intensiv erwidert wurde. Als Logan sich schließlich mit einem Lächeln zurückzog, stand Cole immer noch mit geschlossenen Augen vor ihm und zehrte an dem feurigen und dennoch einmaligen Augenblick.
»Jetzt los mit dir! Ich erwarte deinen Anruf, sobald du den Alarm ausgelöst hast.« Logan schob ihm eine seiner Visitenkarte in die Hand, die er zuvor aus seiner Jackentasche gezogen hatte. Aus einem Impuls heraus stahl er sich nochmals einen Kuss, bevor er zufrieden mithilfe seiner Krücken zum Auto zurück humpelte. Hinter ihm hörte er Cole seufzen.

*

»Ich fasse es immer noch nicht!«, wiederholte sich Josh zum dritten Mal innerhalb der letzten fünf Minuten. »Du hast den Flachwichser tatsächlich geküsst. Bekommen dir die Medikamente nicht? Sollten wir es ernsthaft in Erwägung ziehen, dich einweisen zu lassen?«
Logan lachte, obwohl ihm momentan keinesfalls danach zumute war.
»Das nennt man Taktik. Nicht mehr und nicht weniger. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.« Gedanklich fügte er hinzu: »Gut küssen kann er aber.«
»Das heißt, das Bürschchen ist bi. Denn gewehrt hat er sich nicht«, fasste Kaden überrascht zusammen.
»Du sagst es! Er wollte das schon, seit wir das erste Mal aufeinander trafen. Den Wunsch habe ich ihm soeben erfüllt. Nun hoffe ich, dass er sich auch an unsere Abmachung hält. Übrigens, Jungs … kein Wort zu niemandem.«
»Sehen wir aus wie Tratschtanten?« Josh grinste und schaute dabei in den Rückspiegel, sodass Logan ihn vom Rücksitz aus in die Augen blicken konnte.
»Von mir erfährt auch keiner ein Sterbenswörtchen. Nur solltest du uns jetzt besser in den ganzen Plan einweihen.« Kaden sah über seine Schulter nach hinten. »Erleuchte uns. Was kommt als Nächstes?«
»Wir sind auf dem Weg zu Bennett«, erklärte Logan. »Apropos, da vorn musst du links abbiegen. Cole löst am College den Alarm aus. Das lockt den Fuchs aus seinem Bau. Somit haben wir freie Bahn.«
Auf der restlichen Fahrt bis zu Louis Bennetts Villa schwiegen alle. Logan versuchte, seine wachsende Anspannung in Griff zu bekommen. Insgeheim hoffte er, dass er mit seiner düsteren Vorahnung falsch lag. Doch selbst Cole hatte ihm bestätigt, dass es möglich wäre, dass der Hurenbock Kenny gefangen hielt. Während er immer wieder mit diesem Gedanken spielte und ihm ein teuflisches Szenario nach dem anderen durch den Kopf ging, beobachtete er Josh. Er fuhr den Wagen um die letzte Ecke und parkte ihn außerhalb des Lichtkegels der nächstgelegenen Straßenlaterne, direkt Louis Bennetts Haus gegenüber. Nun hieß es warten.
Logans Nervosität wuchs mit jeder weiteren Minute. Er konnte kaum still sitzen. Als nach einer quälenden Viertelstunde endlich sein Smartphone klingelte, nahm er binnen Sekunden das Gespräch an.
Schon bevor er Coles Stimme vernahm, hörte er im Hintergrund das schrille Läuten des Feueralarms.
»Das Alarmsignal in den Physiklaboren wurde ausgelöst. Zusätzlich habe ich einen kleinen Stapel Papier angezündet, der ordentlich Rauch erzeugt. Mein Dad erhält über die Warnanlage eine Nachricht auf sein Handy und wird von der Feuerwehr benachrichtigt, die ebenfalls an das System angeschlossen ist.«
Zum ersten Mal an diesem Tag schien wahrhaftig einmal etwas zu gelingen. Nun musste nur noch Bennet das Haus verlassen und sie konnten dort endlich nach Kenny suchen. »Danke. Ich hoffe, du fackelst nicht gleich das ganze College ab.«
»Hier gibt es außer Stühlen, Tischen und einem Projektor nicht viel, was in die Luft fliegen könnte. Aber ich bitte dich auch um einen Gefallen. Wenn ihr ihn findet, sag mir Bescheid.« Coles Stimme klang tatsächlich ehrlich besorgt.
Überrascht brummte Logan ein leises »Ja, mache ich.«
»Ich haue jetzt ab. Viel Glück!«
»Er hat es also echt getan.« Kaden schüttelte ungläubig den Kopf, nachdem das Gespräch beendet war.
»Sonst hätte ich dem Pisser die Eier abgeschnitten«, schnaubte Josh, trotzdem wirkte er erleichtert. Gespannt warteten die Freunde, dass in der Villa endlich die Lichter angingen.
Gerade als Logan den Entschluss fasste, das Haus einfach zu stürmen, öffnete sich das Tor von Bennetts Garage. Ein schwarzer Porsche rollte rückwärts die Einfahrt hinunter bis zur Straße. Ungeduldig verharrten die drei an Ort und Stelle, bis der Wagen an ihnen vorbeigefahren war und in der Ferne verschwand.
»Das ging ja flott«, sagte Logan zufrieden. »Los!«
Seine beiden Bandkollegen halfen ihm beim Aussteigen. Nachdem sie sich vergewisserten, dass niemand sie beobachtete, begaben sie sich so schnell es Logan möglich war im schwachen Licht der Straßenlaternen zur Villa.
»Wir müssen erst die Ersatzschlüssel holen.«
Logans Freunde nickten und folgten ihm über einen schmalen Weg in den Garten. Erstaunt stellte er trotz der Dunkelheit fest, dass sich einiges an dem Grundstück verändert hatte. Es gab mehr Sträucher als noch vor ein paar Jahren. Auch der Swimmingpool, der um diese Jahreszeit leer stand und mit einer Plane abgedeckt war, wirkte größer als in seiner Erinnerung. Das alles interessierte ihn momentan jedoch nicht im Geringsten. Er hinkte mit den Krücken direkt auf ein Gartenhäuschen zu, das etwas versteckt hinter zwei hohen Bäumen stand.
Logan wandte sich an Kaden und deutete mit dem Kinn zur Hütte hin. »Früher war sie immer unverschlossen.«
Als der Drummer dagegen drückte, ließ sich die Tür problemlos öffnen. Sie gab den flüchtigen Blick auf ein kleines Chaos frei. Gartengerätschaften und zahlreiche Kanister türmten sich bis unter die niedrige Decke.
»Schau mal beim Rosendünger nach.«
Kaden verschwand im Inneren und kam nach wenigen Minuten zurück ins Freie. In der Hand hielt er den benötigten Schlüssel. »Wir können froh sein, dass der Typ seine Gewohnheiten nicht ändert.«
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Hintertür. Logan tippte den Zahlencode ein und zögerte. Obwohl er keinen Grund hatte, an Coles Aufrichtigkeit zu zweifeln, blieb dennoch ein winziger Funke Unsicherheit, der es ihm nicht erlaubte Bennetts Sohn vollkommen zu vertrauen. Andererseits konnte dieser seinen Vater nicht ausstehen und hatte viel zu besorgt geklungen. Es gab auch keinen Grund, den Feueralarm im College auszulösen, bloß um sie jetzt in die Falle laufen zu lassen.
»Los, mach schon!«, forderte Josh ihn auf und verlagerte sein Gewicht unruhig von einem Fuß auf den anderen.
»Je länger du wartest, desto länger grübelst du nach, wie loyal der Schönling wirklich ist. Falls er dir den falschen Code gegeben hat, erfährst du es sowieso gleich.«
Logan seufzte und hatte dem nichts mehr hinzuzufügen. Seine Sorge um Kenny übernahm wieder die Oberhand und er drückte die Entertaste. Zu seiner Erleichterung ertönte kein lautes Aufheulen, und das rote Lämpchen neben der Zahlentastatur wechselte zu grün.
»Na, siehst du. Da hat der Hohlkopf doch einmal das Richtige getan.« Kaden steckte den Haustürschlüssel ins Schloss und Augenblicke später betraten sie nacheinander eine geräumige Küche.
»Und jetzt?« Josh zog sein Handy heraus und schaltete die integrierte Taschenlampe an.
»Du gehst nach oben. Kaden, such du im Keller und ich hier im Erdgeschoss. Irgendwo muss er ja sein.«
Ohne weitere Worte zu verlieren, begannen sie mit der Suche nach ihrem verschwunden Freund. Logan humpelte von der Küche in den Flur und durchforstete gründlich jedes einzelne Zimmer. Wiederholt rief er dabei Kennys Namen. Doch das Haus schien verlassen. Sein Herz klopfte wild in der Brust und aus seiner Nervosität erwuchs allmählich Frust. Fieberhaft überlegte er, wo Kenny noch stecken könnte. Er wusste durch ihn, dass Bennett einen verborgenen Raum besaß, in dem er ungestört seine krankhaften Fantasien ausleben konnte. Allerdings hatte er ihm nie gesagt, wo sich das Zimmer befand. Lediglich, dass man es nur über eine Geheimtür erreichte. Aber wo sollte sie sein?
»Nichts. Rein gar nichts.« Geknickt kehrte Josh kurz darauf in die Küche zurück.
»Im Keller gibt es auch keine Spur von ihm«, meldete sich Kaden und gesellte sich offensichtlich enttäuscht zu ihnen.
»Wir müssen in die Garage!« Plötzlich hegte Logan einen Verdacht. Bennett war einmal schier ausgeflippt, als er den Rasenmähertraktor nicht auf dem gewohnten Platz geparkt hatte. Zudem musste er leere Kartons, die er in einer Ecke gestapelt hatte, noch am selben Abend entsorgen. Damals hatte er angenommen, es wäre eine von Bennetts üblichen Schikanen gewesen. Was, wenn da mehr dahintersteckte? Zielstrebig humpelte er auf die besagte Stelle zu und entdeckte feine Kratzer auf dem Asphaltboden.
»Leuchte mal hier hin«, bat er Josh, nachdem er seinen Freunden die Schleifspur gezeigt hatte.
Im Licht der Taschenlampe suchte er die Wand ab, fand jedoch nur eine normale Holzverkleidung, die sich nicht vom Rest der Garagenwände abhob.
»Drück mal dagegen«, schlug Kaden Josh vor, der mit den Fingern an sämtlichen Kanten entlang tastete.
Am Ende versuchten sie zu zweit, den versteckten Mechanismus zu finden. Logan stand nervös daneben. Das flaue Gefühl in seinem Magen nahm von ihm gänzlich Besitz und ihm wurde leicht übel. Just in dem Moment, als er meinte, sie sollten mit voller Wucht gegen die Wand treten, ertönte ein Klicken und Kaden zog die Geheimtür mit einem zufriedenen Grinsen auf.
Nun gab es für Logan kein Halten mehr. Er stieg, so schnell es ihm möglich war, die Treppe hinab und blieb vor einer verschlossenen Tür stehen. Durch einen Spalt am Boden drang Licht hervor.
»Kenny? «, rief er mit rasendem Herzschlag.
Ehe er sich versah, stürmten Josh und Kaden an ihm vorbei und traten sie ein. Logan stolperte hinterher und fand sich in einem dämmrigen Raum wieder. Er maß etwa fünf auf fünf Meter. Die Wände waren schwarz gestrichen. An einer Seite stand ein Bett, genau gegenüber hatte Bennett ein Andreaskreuz befestigt und daran hing Kenny. Obwohl Logan im ersten Moment Erleichterung empfand, wurde er im nächsten Augenblick von der grausamen Wirklichkeit eingeholt. Sein bester Freund war nackt, blutverschmiert und bewusstlos an das verfluchte Kreuz gebunden. Zahlreiche rote Striemen, verkrustete Schnittwunden und verbrannte Hautpartien waren auf dem geschundenen Körper deutlich erkennbar. Direkt vor Kenny befand sich ein Stativ mit einer Videokamera. Eine rote Lampe leuchtete und verriet, dass das Schwein jede Einzelheit des Elends aufnahm. Wütend gab Logan der Kamera mit einer der Krücken einen kräftigen Stoß, sodass sie laut krachend auf den Betonboden fiel.
»Verdammte Scheiße!«, stieß Josh schockiert aus.
»Komm, hilf mir mal!«, rief Kaden nicht weniger entsetzt. Mit gemeinsamen Kräften rüttelten sie an den Schnallen der mit einem kleinen Schloss gesicherten Handfesseln. Ohne Schlüssel gab es daraus jedoch kein Entkommen.
Kenny bot ein Bild des Grauens. Logan entfernte vorsichtig den Knebel aus seinem Mund. Die Lippen des Freundes waren leicht bläulich, trocken und übel aufgeplatzt. Die Augen waren eingesunken. Das Gesicht angeschwollen und Kennys Haut fühlte sich wie getrocknetes Leder an. Für einen Augenblick fragte sich Logan, ob das perverse Schwein vorgehabt hatte, ihn verrecken zu lassen. Besorgt tastete er nach Kennys Puls. Er war kaum fühlbar.
»Beeilt euch!«, forderte er angespannt und streichelte behutsam Kennys Wangen. »Kleiner, wir sind da und holen dich hier raus. Gleich hast du es geschafft«, flüsterte er ihm zu, obgleich sein Freund bewusstlos war.
»Wartet mal, vielleicht liegen die Schlüssel da drüben auf dem Schreibtisch.« Der Drummer rannte zum Tisch, auf dem ein Laptop stand. Darum verteilt lagen etliche CD-Hüllen. Daneben ein Elektroschocker und ein Schlagstock aus Leder. Jedoch nichts, womit man die Schlösser an den Handfesseln öffnen konnte.
»Scheiß auf die Schlüssel. Such etwas, womit du das Leder durchschneiden kannst. Versuch es dort in dem Schrank«, dirigierte Kaden, während er Kennys Körper stützte und so den Druck von dessen Handgelenken nahm.
Als der Bassist die schmalen Schranktüren aufriss, bot sich ihnen ein groteskes Bild. Zahlreiches SM-Spielzeug in unterschiedlichster Ausführung kam zum Vorschein. Josh entdeckte zwischen all den kranken Dingen ein kleines Messer. Er schnappte es sich und eilte zum Andreaskreuz zurück. Mit zittrigen Händen gelang es ihm, die Fesseln aufzuschneiden. Kenny fiel Kaden direkt in die Arme. Vorsichtig legte er den Verletzten auf die Matratze und suchte nach etwas, womit er Kennys Blöße bedecken konnte. In einer Ecke fand er schließlich eine Decke. Hastig kehrte er zum Bett zurück und wickelte sie um den geschundenen Körper.
»Mein Gott … !« Logan saß auf der Bettkante und hielt Kennys eiskalte Hand. »Du darfst jetzt auf keinen Fall schlappmachen. Hörst du? Gleich bist du in Sicherheit!«
»Er lebt kaum noch …«, meinte der Schlagzeuger und fühlte ebenfalls nach Kennys Puls. »… und muss auf der Stelle ins Krankenhaus.«
»Nein!«, antwortete Logan entschlossen.
»Was? Schau ihn dir doch an. Willst du ihn sterben lassen?«
»Ich weiß, er würde niemals in ein Krankenhaus gehen wollen. Bringen wir ihn erst mal zu mir.«
»Logan, er …«
»Ich sagte: Nein!« Logan sah Kaden unnachgiebig an.
»Na gut. Auf jeden Fall muss er schleunigst von hier weg«, gab der Drummer klein bei und hob seinen Bandkollegen behutsam hoch. »Geht schon, ich nehme ihn«, erklärte er, als Josh ihm helfen wollte, und trug Kenny aus dem Folterkeller hinaus.

© Madison Clark

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